Die 4 Phasen nach Jellinek Morton:

Prodromal- oder Vorläuferphase:

Jellinek sah als typisch für seine Prodromal- oder Vorläuferphase an, dass das Trinken in sozialen Zusammenhängen beginnt. Wie die meisten Menschen trinkt der potentielle Alkoholiker in Gesellschaft, nur dass er beim Trinken bald eine befriedigende Erleichterung verspürt. Diese schreibt er allerdings eher der Situation zu,

  • dem Feiern,
  • Spielen oder
  • der Gesellschaft.

Er beginnt, derartige Gelegenheiten zu suchen, in denen "nebenbei" getrunken wird. Mit der Zeit entwickelt sich Toleranz gegenüber dem Alkohol, das heißt, er braucht mehr Alkohol als früher, um den angestrebten Zustand der Euphorie zu erreichen. Er trinkt häufiger, auch zur Erleichterung seines Befindens. Die psychische Belastbarkeit lässt nach, so dass er bald täglich trinkt. Ihm und seinem Umfeld fällt dies meist noch nicht auf.

Symptomatische Phase

Die Phase erster Auffälligkeiten

Beim Alkoholiker in dieser Phase treten beispielsweise

  • Gedächtnislücken (Amnesien)

auf. Er kann sich vollkommen normal verhalten und sich dennoch manchmal an wenig erinnern, ohne dass er erkennbar betrunken gewesen ist. Der Alkohol ist nun kein bloßes Getränk mehr, er wird vom Alkoholiker gebraucht. Er beginnt zu merken, dass er anders als andere Menschen trinkt, und versucht, nicht aufzufallen. Deshalb beginnt er heimlich zu trinken. Er denkt häufiger an Alkohol als üblich und trinkt die ersten Gläser hastig, um möglichst schnell die Wirkung zu bekommen. Da sich mittlerweile Schuldgefühle wegen seines Trinkens einstellen, versucht er das Thema Alkohol in Gesprächen zu vermeiden. Der Übergang zum chronischen Alkoholismus ist durch ein meist unauffällig gesteigertes Bedürfnis und Verlangen nach Alkohol gekennzeichnet; nach und nach ist wegen der körperlichen Gewöhnung eine immer höhere Alkoholmenge nötig, um dieselben psychischen Effekte zu erreichen wie zu Anfang des Trinkens.

Ein zunächst nur

  • gelegentliches Erleichterungstrinken

 kann dann zum

  • dauernden Entlastungstrinken

ausarten.

Kritische Phase:

Der Alkoholiker kann sein Trinken nun überhaupt nicht mehr kontrollieren. Er kann zwar über längere Zeit abstinent sein. Nach der ersten kleinen Menge Alkohol jedoch hat er ein nicht mehr zu beherrschendes Verlangen nach mehr, bis er betrunken oder zu krank dazu ist weiterzutrinken (Craving). Er selbst glaubt, dass er in diesen Situationen nur vorübergehend seine Willenskraft verloren hat, ist dem Alkohol gegenüber allerdings schon machtlos, d. h. alkoholabhängig. Diese Abhängigkeit ist ihm meistens nicht bewusst oder wird verdrängt. Er sucht Ausreden für sein Trinken, erst recht für seine Ausfälle, für die er überall, nur nicht in seinem Alkoholmissbrauch Gründe und Ursachen findet. Diese Erklärungsversuche sind ihm wichtig, da er außer dem Alkohol keine anderen Lösungen seiner Probleme mehr kennt. Er wehrt sich damit gegen soziale Belastungen.

Co-Alkoholismus, Co-Abhängigkeit

Wegen seines Verhaltens kommt es immer häufiger zu Konflikten mit der Familie. Ganze Familien isolieren sich, wenn sie den Trinkenden "decken" (Co-Alkoholismus, Co-Abhängigkeit) oder die Angehörigen sich seiner schämen. Der Alkoholiker kann so in die Rolle eines Despoten geraten. Sein schrumpfendes Selbstwertgefühl kompensiert er dabei immer mehr durch gespielte Selbstsicherheit und großspuriges Auftreten. Der Süchtige kapselt sich zunehmend ab, sucht aber die Fehler nicht bei sich, sondern bei anderen. Er verstärkt seine soziale Isolierung immer mehr, während er zu anderen Zeiten oft geradezu verzweifelt um Nähe, Verständnis und Zuspruch bettelt. Mancher bagatellisiert sein Trinkverhalten mit bekannten Sprüchen wie

"Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren".

Oder er verliert das Interesse an seiner Umgebung ganz, richtet seine Tätigkeiten nach dem Trinken aus und entwickelt so ein eigenbrötlerisches Verhalten mit Selbstmitleid, in dem er sich wiederum mit Alkohol "tröstet". Soziale Isolation und Verstrickung in Lügen und Erklärungen werden zu besonders auffälligen Merkmalen von chronisch gewordenem Alkoholismus.

Chronische Phase:

Der Alkohol beherrscht den Trinker nun vollkommen. Seine Persönlichkeit verändert sich.

Er trinkt unter

  • der Woche,
  • am hellen Tag,
  • schon am Morgen.

Räusche können sich über Tage erstrecken. Sozialer Kontakt ist im chronischen Stadium meist nur noch mit Menschen möglich, die gleichfalls viel trinken. In der Gruppe entwickeln sie, bestärkt durch einander, ein noch auffälligeres Verhalten, bis im Rauschzustand der letzte Rest Anstand, Rechtsbewusstsein und Selbstachtung schwindet.

  • Motorische Unruhe 
  • Angstzustände

können nun ein Entzugssyndrom ankündigen, das nur mit Weitertrinken vermieden werden kann. In dieser Phase kann kaum noch von "Befriedigung" im Rausch die Rede sein. Vielmehr vermeidet und bekämpft der Süchtige meist nur noch schnell oder verstärkt auftretende Entzugssymptome, wenn nötig mit Hilfe von Billigprodukten oder sogar vergälltem Alkohol wie Brennspiritus.

Im Endstadium der chronischen Phase können

  • Alkoholpsychosen mit typischen Halluzinationen,
  • Angst
  • Desorientierung

auftreten, oft verbunden mit unbestimmten religiösen Wünschen.

  • Epileptische Anfälle
  • ein lebensgefährliches Delirium tremens

können auftreten. Nicht wenige Alkoholiker nehmen sich das Leben. In dieser Endphase ist der Kranke am ehesten bereit, Hilfe anzunehmen. Einweisung in ein geeignetes, meist psychiatrisches Krankenhaus zur "Entgiftung" oder besser gesagt zum "körperlichen Entzug" ist dann lebensrettend und gleichzeitig ein möglicher "Einstieg" zur notwendigen Entwöhnungsbehandlung.


Kontakt

Praxis für Psychotherapie & Coaching /Burn-Out Kompetenzzentrum OWL Nicole Stoklossa
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